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Man folgt auf der Bibersfelder Straße dem Hinweisschild Richtung Dorfstraße, macht einen langen Hals, um zwischen den Wohnhäusern die richtige Einfahrt zu erwischen, die Autoreifen knirschen über Kies, und dann steht die große Scheune mitten im Nirgendwo. Oben drüber gluckt die Tenne, der weite Raum unten drunter ist im Winter warm und im Sommer kühl.

 

Während die Einzelhändler in den mit Laufkundschaft reichlich gesegneten Innenstädten über die Internet-Konkurrenz stöhnen, führt Ute Kuhn ihr Fachgeschäft für Jeans und Oberbekleidung schon seit über 17 Jahren erfolgreich im Verborgenen.

Auf Kleidersuche angestarrt

Ihre Kartei umfasst Kundenadressen aus ganz Baden-Württemberg und allen Bundesländern bis nach Hamburg rauf. Ab und zu schickt sie sogar eine Hose zu einer Kundin nach Namibia. Denn bei „Jeans in Raibach“ werden solche Menschen fündig, deren Körpermaße vom gängigen Schönheitsideal ziemlich weit weg sind. Das hat sich herumgesprochen, auch bei den Urlaubern in der Region.

 

Die umfangreichste Jeans heißt Tim. Sie entspricht der Konfektionsgröße 74, und wer da hineinpasst, wird bei keinem anderen Modeanbieter im Landkreis glück­lich. Ganz abgesehen davon, dass sich Damen und Herren mit „hohem Leib“, wie es in gepflegter Sprache heißt, auf der Kleidersuche meist angestarrt fühlen, sind die üblichen Kollektionen ohnehin nicht für sie gemacht.

Im 200-Einwohner-Ort Raibach treffen sie dagegen eine Fachberaterin, die ihnen die geeignete Kleidung in die Umkleidekabine liefert. Früher habe sie einen Modeverkäufer gekannt, der habe die Leute kurz angeschaut und gewusst, was sie brauchen, erzählt Kuhn: „Damals dachte ich, das will ich auch können.“ Für schwergewichtige Frauen und Männer sei das beim Einkauf entscheidend: „Diese Kunden können ja nicht kurz mal zur Probe in zig verschiedene Hosen schlüpfen.“

Die anderen Extreme gehen bei ihr gleichfalls ein und aus. Schmale Menschen, die einfach so sind oder krankheitsbedingt stark abgenommen haben. Und die „Riesen“. Viele „Normale“ mögen sich ebenso wenig ins städtische Konsumgetümmel stürzen. Für sie alle kauft Ute Kuhn vorausschauend ein. Während sie über die Modemessen wandert, blättere sie ständig die Kundendaten „in ihrem Kopf“ durch. Was am Ende nicht perfekt passt, wird in der hauseigenen Änderungsschneiderei passend gemacht.

Verzicht auf Mittagspause

Dem Ruf nach Entschleunigung folgte sie, lange bevor es einen englischen Begriff dafür gab. Slow Shopping ist voll im Trend. Zwischen den Textilien im Raibacher Geschäft stehen Bistrotische mit stabilen Stühlen, auf denen sich die Besucher ein oder mehrere Tässchen aus der Profi-Kaffeemaschine gönnen dürfen. Das Geschäft macht keine Mittagspause und ein „Wegen Urlaub geschlossen“ kommt ebenso nicht infrage: „Anders würde es in dieser Lage gar nicht gehen.“

In einer Zeit, in der Teenager noch Backfische waren, träumte die zwölfjährige Ute davon, eine Jeans zu besitzen, die sie von den Eltern aber nicht bekam: „Alle meine Freunde hatten eine, nur ich war modisch nicht ‚in‘.“ Von ihrem ersten Gehalt als Zahnarzthelferin (125 D-Mark) konnte sie sich endlich ihren Traum in Form einer Cordhose (altrosé, 100 D-Mark) erfüllen. Ihre Freude daran, Kunden zu bedienen, entdeckte sie bereits als kleines Mädchen im gemütlichen Braunsbacher Gemischtwarenladen ihrer Großmutter, in dem sie manchmal aushelfen durfte. Heute wurde „in“ längst durch „angesagt“ abgelöst, der größte Gemischtwarenladen der westlichen Welt heißt Amazon, und die erwachsene Ute ist am Ziel all ihrer Wünsche.

197 neue Jeans

Ihrer unwettergebeutelten Heimatgemeinde vermittelte sie 2016 eine Spende von 197 nagelneuen Jeans. Eine Freundin habe damals vor Ort die Konfektionsgrößen eingesammelt. Dass bis auf zwei Stück alle Beinkleider perfekt saßen, darauf sind die beiden immer noch stolz.